Begegnung mit einer Maori

Mit Touristen-Spektakel hat meine Begegnung mit einer Maori nichts zu tun. Sondern mit einem Erlebnis in der Hawkes Bay, das mich tief berührt hat

Das hier ist anders! Warum, konnte ich damals noch nicht genau sagen, als mich mein Guide im Morgendunst zu einem einsamen langen Strand an der Hawkes Bay hinunter führte. Eigentlich wäre ich so gerne länger im Kuscheligen Bett der Farm at Cape Kidnappers geblieben. Aber unterbewusst spürte ich, dass dieser Ort zu dieser frühen Stunde etwas besonderes ist. Und das, was ich mir vielleicht einbildete (vielleicht aber auch nicht), wusste die „kuia“ – die weise Maori, die ich besuchen wollte – schon vor Tagen.

Leben wie vor Jahrhunderten
Dieser Morgen war besonders gut, um mir einen spirituellen Blick in die Glaubenswelt der Maori zu gewähren. Mich einzuführen in Ihr Reich aus Legenden und Naturverbundenheit. Mit den üblichen Touristen-Spektakeln hatte das eben so wenig zu tun, wie mit Hokuspokus. Und es ist ein Erlebnis, zu dem man nur über spezielle Anbieter Zugang bekommt. Diese Maori lebt bis heute aus Überzeugung so, wie ihre Vorfahren vor Jahrhunderten. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, in einer archaischen Hütte am Strand. Kein Radio, geschweige denn einen Fernseher. Denn das Meer erzählt ihr die schönsten Geschichten, sie lauscht dem Wind und dem leisen Rascheln, wenn der Ozean Milliarden feiner Sandkörnchen in der Dünung schleift. Diese Frau hört und sieht Dinge, die mir völlig verborgen blieben.

Nase an Nase
Als ich mich der Hütte näherte, tratt eine kompakte Frau mit offenen, dunklen Haaren und einem unendlich gütigen Gesicht auf mich zu. Als sie mir zulächelte, verzerrte sich die typische Tätowierung, die sich von der Unterlippe zum Kinn hin auf ihrer goldbraunen Haut ausbreitet. Ihr Alter kann ich nur raten: Ende vierzig? Ende fünfzig? Ich weiß es nicht. Auch nicht, als sich unsere Nasenspitzen zum Hongi aneinanderdrückten – die typische Begrüßung der Maori. Sie rocht nach Feuerrauch, Kräutern und Meer… so fremd und doch so vertraut. Und ohne Zögern folgte ich Ihr in ihre windschiefe Bleibe.

Den Blickwinkel ändern
Es wäre völlig vermessen hier in Worte fassen zu wollen, was ich in dieser Zeit am Strand von Hawkes Bay erlebt und gelernt habe. Und darum versuche ich es gar nicht erst. Das muss man einfach selbst erleben. Nur so viel: Seit meinem Besuch bei der weisen Maori sehe ich vieles anders. Meine Prioritäten verschieben sich manchmal in eine andere Richtung und wenn ich spazieren gehe, nehme ich viele Winzigkeiten intensiver wahr. So trennungslos mit dem Land verbunden sein wie die Ureinwohner Neuseelands, so viel uneingeschränkte Zuneigung zur Familie zeigen und den anderen Menschen so viel „mana“ – Respekt – zollen… Ich denke, wir würden in einer etwas besseren Welt leben. Das hört sich theatralisch an und vielleicht hat mich persönlich dieses Erlebnis besonders tief berührt. Aber um Neuseeland zu verstehen, muss man es meiner Meinung nach auch einmal aus dem Blickwinkel der Maori betrachten. Und plötzlich sieht man es: Aoteaora – das Land der langen weißen Wolken

Haben Sie eine tolle Story? Eigenen Artikel hinzufügen