Die Frauen von Motueka

Der Schriftsteller Martin Bettinger über Menschen, die aufbrachen, ein anderes Leben zu führen.

Die Frauen von Motueka

26 Dollar, um einen Container
mit Äpfeln zu füllen,
waren nicht viel, aber einen
anderen Job fanden wir nicht,
außerdem gab es ein Extra dazu.

Bevor wir mit unseren Leitern und
den Kängurutaschen auf die Felder
rauszogen, schauten wir in die Halle.              
Dort standen zehn, manchmal zwölf
junge Frauen am Fließband.
Die Äpfel ratterten aus der Waschanlage
herein, und die Frauen sortierten
sie in die Kisten. Die Guten nach
oben, die zweite Wahl tiefer, die
Beschädigten in die Wannen im Rücken.
Dazu lief aus riesigen Boxen                            
Technomusik.

„DU-DUFF  DU-DUFF-DUFF …“

Ein Idiotenjob, klar, aber es gab
trotzdem ein schönes Bild.
All diese Frauen im schrägen,
staubigen Licht. Ihre fliegenden
Hände, ihre rotierenden Körper,
der Schwung ihrer Haare.

„Cool“, sagte Brian, „sieht aus
wie ein Rap!“

Es war wirklich ein Rap,
ein Elf-Stunden-Tanz zwischen
Bändern und Kisten. Und
die Frauen hatten nichts
gegen das Tempo. Sie hatten
selbst die Musik ausgewählt,
um den Akkord hoch zu halten.
Jung und robust, nahm ihnen
das Fließband den besten Teil
ihres Sommers. Aber sonst
nahm es nichts.

Manchmal riefen wir ein Hallo
in die Halle, manchmal
bekamen wir ein Hallo zurück.
Mehr gab es nicht. Kein
Farmfest. Kein Erntetanz.
Nicht mal ein Smalltalk abends
vor den Baracken.

Trotzdem tat es gut, jeden Morgen
diese Frauen zu sehen. Sie
standen für etwas, das später
eintreffen würde. Oder auch
nicht eintreffen würde. Für die
Morgenlandfahrer war es ein
Stern. Für die Seefahrer waren
es die Schwalben vom Festland.
Für uns waren es die Frauen
in der Scheuer von Motueka.

 

Aus: "Wo der Tag beginnt - Storys aus Neuseeland". Conte Verlag 2012

www.martin-bettinger.de

Trailer: http://youtu.be/q6Ro_L0DzD4

Foto: Petra Dietz / pixelio.de

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