Ein Land steht Kopf

Es sind die Gegensätze, die dieses Juwel im Südpazifik für Besucher aus Europa so spannend machen. Und trotzdem kommt uns so vieles vertraut vor!

Vieles ist anders in Neuseeland, am so vielumschwärmten anderen Ende der Welt: im Januar ist Hochsommer, die Sonne steht mittags im Norden am höchsten und die Autos fahren auf der linken Straßenseite. Dieses Inselpärchen hat was. Von allem ein wenig und davon mehr als genug. Jede Menge Natur pur beispielsweise. Mal urgewaltig, mal sinnlich, hier pazifisch exotisch, dort europäisch vertraut. Etwas Norwegen, Schottland und Schweiz, ein bißchen Südostasien und reichlich Polynesien. Kurzum: ein Mikrokosmos vom Schönsten, was diese Welt zu bieten hat. Und mittendrin rund 70 Millionen Schafe, 20 mal soviel wie Inselbewohner.

Auckland, Metropole und Melting Pot auf der Nordinsel, beherbergt gut ein Drittel der Bevölkerung - Weiße, Maoris und Pacific Islanders, Einwanderer aus Fidschi, Westsamoa, Tonga und den Cook-Inseln. Die meisten von ihnen kamen in den Sechziger und Siebziger Jahren nach Aoteaora, ins "Land der langen, weißen Wolke", als Neuseeland boomte. Heute ist Auckland die Kapitale der Polynesier und kulturelles sowie wirtschaftliches Zentrum Neuseelands, mit ein paar Hochhäusern, geschäftigen Shopping-Passagen, adretten Vororten und romantischen Buchten. Auckland ist eine typische Drei-B-City: Beaches, Barbecues & Boats. Eine Millionenstadt mit provinziellem Charme und dem Flair einer Weltstadt, deren Bewohner ein eigenes Boot im Hafen mehr schätzen als ein Ticket fürs Theater. Ihre Hafenlage ist ideal, weit ausgebreitet auf ungezählten Inselarmen liegt die Stadt da. Wenn die Sonne untergeht, verschwindet mit ihr ein Lichtermeer hinter dem Horizont. Nicht umsonst heißt Aucklands Partnerstadt Los Angeles.

Wenige Kilometer nordwärts ist vom Großstadt-Trubel wenig zu spüren. Regenwald an der Westküste, verträumte Buchten im Osten, kilometerlange Obstplantagen dazwischen wie etwa bei Kerikeri ("so nice they named it twice") und menschenleere Strände am Cape Reinga, soweit das Auge reicht. Die 'Kiwis' lieben es, die Abende und Wochenenden im Abenteuerpark Neuseeland mit Segeln, Skifahren oder Bergsteigen zu verbringen. Und natürlich Rugby, jene merkwürdige Mischung aus Geschicklichkeit, Tempo und Rauhbeinigkeit. Wenn die Nationalmannschaft und Rugby-Weltmeister, die All Blacks, den Rasen wieder aufmischt gegen Australien oder England, dann kommt im ganzen Land Stimmung auf (zum Rugby World Cupy 2011 ist es wieder soweit; für Neuseeland die zweite Chance, nach 1987 erneut den Titel im eigenen Land zu holen!) und alte Rivalitäten zwischen den Commonwhealth-Partnern entbrennen aufs Neue.

Eigentlich mochten die Kiwis noch nie die Mates von "Down under" oder dem „Motherland“. In Kororareka, dem heutigen Russel auf der Nordinsel, begann alles, die Geschichte der Besiedlung durch die Briten vor kaum mehr als 180 Jahren. Anders als Australien war Captain Cooks Entdeckung Neuseeland nie als Strafkolonie und Open-Air-Knast für Häftlinge vom europäischen Mutterland gedacht. Hier ließen sich rauhe, hemdsärmelige Gesellen nieder, um auf Robben- und Walfang zu gehen.

Neuseeland ist von jeher ein Einwandererland. Die ersten Immigranten, die Maoris, kamen vor etwa 1200 Jahren mit Kanus über das Meer. Warum weiß heute niemand mehr genau. Jene Ureinwohner waren das "Volk des Landes" - Tangata Whenua. Sie sind Nachfahren eines polynesischen Stammes, dessen kulturelle Wurzeln auf frühe Besiedler von Tonga und Samoa zurückzuführen sind. Beide Siedlergruppen haben das Gesicht des Landes verändert und geprägt. Gezähmt haben sie es nicht. Heute sind die Maoris mit knapp 15 Prozent eine Minderheit neben den 'Pakehas', dem 'langen Schweinefleisch', das Maori-Synonym für die britischen Siedler und ihre Nachfahren. Ihre Stämme sind über die gesamte Nordinsel verbreitet, Städtenamen wie Waitangi, Whangarei, Waitomo, Tauranga zeugen noch heute von den ehemaligen Siedlungs- und Befestigungsplätzen.

Rotorua beispielsweise ist noch immer eines der wichtigsten historisch-kulturellen Zentren der Maoris. Das 50 000-Seelen-Städtchen steht im wahrsten Sinne gewaltig unter Dampf und ist nach amerikanischem Vorbild schachbrettartig in die Vulkanlandschaft gezimmert worden mit Waschsalons, Fast-Food-Restaurants, Spielhallen, klimatisierten Shopping-Malls und Supermärkten so groß wie Fußballplätze. Die Fenton Street etwa, eine der Hauptverkehrsadern im Ort, gebärdet sich wie eine Avenue in Las Vegas. An jeder Straßenecke verkünden überdimensionale, grell blinkende Reklametafeln den touristischen Ausverkauf der Maori-Kultur: Hangi-Essen und Maori-Show ab 20 Uhr im Sheraton.

Whakarewarewa, etwas außerhalb am Ende der Hauptstraße, ist Neuseelands Tor zur Hölle. Hier, im geothermischen Zentrum der Nordinsel, schiebt sich die Indisch-Australische über die Pazifische Platte und preßt sie etwa 45 Millimeter im Jahr in den kochenden Erdmantel. Wer die acht Dollar Eintritt bezahlt, kann die Hexenküche auf manikürten Gehwegen entlang rot-hölzerner Maori-Skulpturen sicheren Schrittes erkunden: kochende Schlammpfützen und dampfende Schwefelschlunde, heiße Quellen und zischende Geysire. Fehltritte in die heiße Erde verhindern massive Holzzäune. Der große Geysir Pohutu, die eigentliche Attraktion, hüllt sich indes in stete Dampfschwaden. Von seiner weltberühmten 30-Meter Fontäne ist oft nicht mehr als eine enttäuschende Wolkenwand zu sehen.

Wellington, Landeshauptstadt und Regierungssitz, gehört ebenfalls zu dieser geothermisch aktiven Region. Ein Landstrich am südlichen Zipfel der Nordinsel, der von den Einheimischen lässig "The Shaky Isles", die bebenden Inseln, genannt wird. Hier sind es Erdbeben, die die Erde durchrütteln und aufbrechen. Die 2-stündige Fahrt mit der Fähre von Wellington über die Cook Strait nach Picton inmitten des Gewässer-Labyrinths vom Marlborough Sound überwindet, so scheint es, Welten. Keine Spur mehr von Vulkanen, Großstädten und mehrspurigen Motorways. Statt dessen eine Symphonie aus schneebedeckten Dreitausendern, kilometertiefen Fjorden und wuchernder Wildnis. Hier lebt es sich ruhiger, zurückgezogener, besonnener als im Norden. Und die Handvoll Städte verteilt sich in respektvollem Abstand voneinander entlang der Küste (von Queenstown, Te Anau und Wanaka einmal abgesehen).

Dunedin im Süden beispielsweise ist eine durch und durch schottische Kolonie und alles andere als kleinkariert. Die Universitätsstadt, neben dem nördlicheren Christchurch die zweite auf der Südinsel, wurde 1848 von schottischen Auswanderern gegründet und Dunedin ist selbstverständlich der keltische Name für Edinburgh. Eine sympatische, ruhige 100 000 Einwohner-Provinzhauptstadt mit Princess Street, George Street und Robert Burns Dinner - ebenso wie in der schottischen Kapitale. Hier gibt es auch, wie könnte es anders sein, Neuseelands einziges Schloß, Lanarch Castle auf der Otago-Halbinsel. Einzigartig ist auch die Albatroskolonie auf der angrenzenden Peninsula. Stacheldrahtzäune schützen Brutstätten und Lebensraum dieser seltenen Vögel vor dem Menschen. Nicht weit davon entfernt "wohnen" die seltenen Gelbaugenpinguine. Kurz vor Sonnenuntergang kann man die tapsigen Fußgänger aus dem Meer in Richtung Strand zu ihren Schlafplätzen watscheln sehen.

Gewissermaßen um die Ecke in Richtung Tasman-See ruht der Fjordland-Nationalpark, eine in weiten Teilen unberührte Wildnis mit zahleichen fjordähnlichen Küsteneinschnitten, den "Sounds". Die bekanntesten und touristisch erschlossenen sind "Doubtful Sound" und "Milford Sound". Naturschönheiten, die in keinem Reiseprospekt fehlen dürfen - als ob der Milford Sound die gesamte Faszination Neuseeland widerspiegele. In der Tat ist es ein Natur-Highlight, das jedoch getrübt wird durch winzige, bissige Fliegen, penetrante Begleiter im Fjordland. Stecknadelkopfgroß tauchen sie mitunter zu Hunderten auf, krabbeln in Ohren und Hemdkragen. Ihre Bisse spürt man noch tagelang. Lediglich Regen hält sie vorübergehend fern, was den Milford-Sound mit seinem fotogenen Mitre Peak noch attraktiver macht für ausgedehnte Wandertouren entlang des legendären, 54 Kilometer langen Milford Track. Hier fallen im Jahresdurchschnitt zwischen 7.500 und 9.250 Millimeter Niederschlag, das heißt, es regnet eigentlich ständig.

Verantwortlich dafür sind von der Tasman-See ins Land treibende Tiefdruckgebiete, die ihre Regenmassen an den küstennahen Gebirgsausläufern abladen und so im gesamten Verlauf der südlichen Westküste üppige Regenwälder haben wachsen lassen. Aus diesem immergrünen Dschungel ragen beinah unmittelbar die bis zu 3.764 Meter hohen Gipfel von Mount Cook & Co., die Südlichen Alpen. Sie sind die Winterspielwiese für Skibegeisterte Kiwis und ihr Mekka heißt Queenstown. "Q-Town" am südlichen Zipfel der pazifischen Alpen ist neben Rotorua auf der Nordinsel das zweite Touristenzentrum Neuseelands. Ob Wasserski auf dem Wakatipu-See, Jet-Boating auf dem nahen Shotover-River, Drachenfliegen und Ballonfahren entlang der Traumkulisse der "Remarkables"-Bergkette oder Bungy Jumping - hier ist Action und Party angesagt. Nicht von ungefähr brüstet sich Queenstown mit der landesweit größten Hotel- und Kneipendichte und seinem funkelndem Nachtleben.

Ein besonderes Frischluft-Juwel auf der Südinsel schließlich ist Lake Tekapo zwischen Christchurch und Queenstown. Von den durch die Landschaft donnernden Reisebussen eher als Zwischenstop auf dem Weg zum First-Class-Hotel "The Hermitage" am Mount Cook genutzt, bietet sich dem an Konsum gewöhnten Auge zunächst wenig Aufregendes. Erst mit dem zweiten Blick kommt der Aha-Effekt. Der eher verschlafene Ort Tekapo schmiegt sich an die schillernden Ufer eines Gletschersees, der wie ein Teppich ausgerollt zwischen zwei Gebirgsketten liegt. Neben einer Tankstelle mit Drugstore, einer kleinen Bankfiliale und dem örtlichen Pub drängeln sich am langen Kieselstrand zahlreiche Ferienhütten. Und eine winzige Jugendherberge mit riesigem Panoramafenster, durch das man, und damit verewigte sich die berühmte neuseeländische Schriftstellerin Keri Hulme im Gästebuch, schlichtweg den "Millionen-Dollar-Blick" auf Natur pur hat. Ohne Zweifel eine einzigartige Aussicht. Und das in einem Land, das auch davon wirklich mehr als genug hat!

Matthias Kothe

Haben Sie eine tolle Story? Eigenen Artikel hinzufügen