Jetboating in Queenstown

Jetboating auf dem Shotover River bei Queenstown ist eine buchstäblich abgefahrene Art, Neuseeland näher kennen zu lernen!

Neuseeland hautnah!

Einen besonderen Nervenkitzel für erlebnishungrige und abenteuerlustige Touristen jeden Alters bieten Neuseelands reißende Flüsse rund um Queenstown auf der Südinsel - Wildwasserabenteuer mit dem Jetboot. Neben "Bungee-Jumping" und "White Water Rafting" ist dies die ebenfalls etwas andere Art, das Land hautnah und aus einer "besonderen" Perspektive kennenzulernen. Profi-Piloten steuern die schlanken Schnellboote mit 80 Kilometern in der Stunde durch enge Felsschluchten und kratzen mit ihnen über flache Kieselbänke. So manchem stand da schon das Wasser bis zum Hals.

 

Es ist früher Vormittag, die letzten Nebelfetzen hängen noch in den Baumspitzen. Wir stehen am Shotover-River, eine Viertelstunde Autofahrt von Queenstown entfernt. Vom steinigen Ufer kann man in den noch schattigen Canyon sehen, durch den das Jetboot in wenigen Minuten hindurchjagen wird. Haarscharf soll es entlanggehen an den schroffen Felswänden, verspricht das Werbeprospekt der Agentur. Nicht zu vergessen die berühmten 360-Grad-Pirouetten und diverse Sandbanksprünge - eine halbe Stunde rasantes und triefnasses Wildwasserballett für 70 Neuseeland-Dollar (das war 1987!).

 

DIE  AUSWEISE   BITTE...

 

Unsere kleine Gruppe von 11 Teilnehmern wartet bereits voller Spannung am Bootsteg, lediglich die Rettungswesten sind noch anzulegen und die Wertsachen zu verschließen. Es werde recht feucht werden, hatte man uns prophezeit, und da sei es ratsam, Kameras und Ausweispapiere im bereitstehenden Schließfachkarren zu deponieren. Kurz darauf gibt der Pilot das Zeichen zum Start. Meine Rettungsweste raubt mir fast den Atem, die Halskrause drückt sich vorwitzig bis unter die Nase, wasserdicht verpackt nehme ich im hinteren Teil der Torpedo-Nußschale Platz. "Hoffentlich komme ich hier heil wieder..." - ehe ich den Gedanken zu Ende denken kann, schießt das Boot nach vorn, den stolzen, knallroten Bug steil aus dem Wasser ragend. Die spezialbetriebenen 10/31 Jet Motoren (die Boote werden mit 'Liquid Petrol Gas' LPG, statt mit Normalbenzin aufgetankt) heulen kräftig auf und pressen mich in meinen Hartschalensitz. Die Frau neben mir gräbt ihre Fingernägel in meinen Arm und schreit ebenfalls spitz auf.

 

AKROBATISCHE KÜR MIT 750 PS

 

Nach einer kurzen Geraden kämpft sich das Boot stromaufwärts auf die erste Flußbiegung zu. Wir hüpfen elegant über Sand- und Kieselbänke, von allen Seiten Wasserfontänen aufspritzend. Kurz darauf folgt, fast aus voller Fahrt heraus, die erste 360-Grad-Wende, der sog. Hamilton-Turn. Ich schaffe es gerade noch, mich rechtzeitig an der Bordwand festzuhalten, falle dennoch fast aus dem Boot und versuche mühsam, die Kamera vor der auf mich zustürzenden Wasserwand mit den Händen abzudecken. Mittlerweile sind nun alle Insassen naß bis auf die Haut und die schrill-freudigen Aufschreie zeigen, daß noch lange nicht genug ist. Nocheinmal das Ganze und dann mit donnerndem Vollgas in Richtung Canyon, der sich im Schatten vor uns auftut.

 

Der Pilot scheint es darauf angelegt zu haben, die scharfkantigen Granitwände anzukratzen, so nah zieht er das schnittige Glasfiberboot an ihnen vorbei. Ich sitze an der Außenseite und schaue besorgt auf meine Ellenbogen. Ein wenig weiter hinauslehnen und das Gestein rasiert mir den Pulli auf. Doch der PS-Profi weiß genau, was er seinen Passagieren und dem Boot zumuten darf. Die vier jungen Piloten der Company durchlaufen ein intensives Training, teilweise bis zu 100 Stunden, bis man sie ans Steuer läßt. Das läßt hoffen.

 

Doch es bleibt keine Zeit, sich zu erholen, denn vor uns taucht plötzlich ein mächtiger Fels im Wasser auf. Erst in letzer Sekunde dreht der Irre am Steuerrad ab und zischt gekonnt und sicher am Hindernis vorbei. Ich hatte das Krachen der Bordwand bereits im Ohr. Noch zwei, drei spritzige Sandbankhüpfer, dann kommt das Boot endlich in der Flußmitte zum Stehen.

 

GOLDRUSH UND JETBOOTE - ABENTEUER DAMALS UND HEUTE

 

Es ist auf einmal verdächtig ruhig geworden auf dem Shotover-River. Die warme Wintersonne flimmert auf der durchnäßten Kleidung. Zeit zum Durchatmen und Abtrocknen. Marc, der Pilot, nutzt die Gelegenheit für ein paar interessante Details über Boot und Landschaft. Diese Spezialboote sind wahre Düsenjets. Sie werden nicht, wie üblich, durch Hochleistungsschrauben angetrieben, sondern erhalten ihren gewaltigen Schub lediglich dadurch, daß durch eine kleine Öffnung im Rumpf Wasser angesaugt wird, das dann unter hohem Druck durch eine Düse am Heck ausgestoßen wird. Jeder der insgesamt vier Wildwasser-Jets kostet rund 100.000 NZ-Dollar.

 

Der Shotover-River, der "Spielplatz" dieser rasenden Nußschalen, war um die Jahrhundertwende der zweitreichste Gold-Fluß auf dem Globus und zog für zwei Jahrzehnte Tausende von Glücksrittern in die Region. Heute ist es nicht ruhiger geworden auf dem Fluß als zur Zeit des großen Goldrushs - dafür sorgen nun die Jetboote. 50 Trips täglich, das ganze Jahr hindurch, lassen den Shotover nicht zur Ruhe kommen und machen seinem Namen alle Ehre. Und dennoch ist die Landschaft um uns herum idyllisch und unberührt.

 

Jetzt im Winter glänzt das Tussock-Grass auf den Wiesen kupferfarben, das helle Licht der Vormittagssonne legt sich wie ein warmer Teppich darüber, die Luft ist sauber und klar. Kein Fabrikschlot, kein Abwasserkanal, kein Haus weit und breit. Die einzige und gleichermaßen wichtigste "Industrie" um Queenstown ist jetzt der Skitourismus. Doch spärliche Schneeflecken auf den Hängen der umliegenden Remarkable-Mountains halten auch den vorerst zurück. Zeit genug also, sich zurückzulehnen und die Stille zu genießen.

 

MIT 80 STUNDENKILOMETERN HINDERNISRENNEN DURCH DEN CANYON

 

Erneutes Kreischen, grollendes Motorengräusch und weiteres Tieferrutschen in meinen Sitz beenden diesen Genuß gnadenlos. Marc dreht die Motoren auf, drückt das Boot mal auf die rechte, im nächsten Moment wieder auf die linke Seite und gönnt uns mit annähernd 80 Km/h eine Slalomfahrt zwischen Felsen, Baumstümpfen und Kieselbänken hindurch. Im Schlußsprung noch schnell einen Hamilton-Turn und weiter gehts die restlichen 800 Meter in diesem Tempo. Ich sehe abwechselnd Wasser und Felswände auf mich zustürzen - wenn ich vor lauter Wasser überhaupt etwas sehe. Endlich haben wir den schmalen Canyon wieder verlassen und steuern auf den sonnendurchfluteten Anlegesteg zu.

 

Die Dame neben mir hat nun auch allmählich wieder ihren Griff gelockert und gibt mich frei; sie braucht jetzt beide Hände, um ihre triefende Haarpracht wieder zu ordnen. Einen knappen Schlenker noch und dann legt das Boot an. Mit wackeligen Knien und durchtränkt bis aufs Unterhemd verlasse ich dieses verrückt gewordene Boot und werde wie der Rest der Mannschaft mit einem Handtuch in Empfang genommen. Wir müssen ein köstliches Bild abgeben für die bereits ungeduldig wartende nächste Gruppe, die sich offen königlich amüsiert. Hämisch grinsend trockne ich mir die Haare und denke mir: "Wenn ihr wüßtet...!"

 

Matthias Kothe

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